Werkstätten:Tag 2004 in Erfurt Logo, Kongressbilder


Arbeit und Bildung − Zukunft für alle.

von Günter Mosen,

Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen

Einführungsvortrag zum Werkstätten:Tag 2004, Erfurt 15. September 2004

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen.

  1. Krise, Menschenbild und Zukunft

    Nicht nur Ihnen und mir drängen sich angesichts der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage unserer Bundesrepublik Fragen über unsere Zukunft auf. Gerade Kritiker unserer Werkstätten nutzen die derzeitige Lage, um die Existenzfrage zu stellen. Die Beurteilung der Situation in unserem Staat und etliche Maßnahmen der Bundesregierung sind ja auch tatsächlich alles andere als beruhigend. Wenn wir uns die nackten Zahlen ansehen, ergibt sich folgendes Bild:

    Die Arbeitslosigkeit betrug im August 4.346.500 und damit unverändert 10,5 Prozent. Unter Berücksichtigung der neuen Zählweise ist das ein Anstieg von 110.200. Die Lage ist angespannter als noch im Vorjahr.[1] Die Arbeitslosenzahl entspricht der Gesamtbevölkerung von Sachsen oder Rheinland-Pfalz.[2]

    Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen unter 20 Jahren betrug im Juli 89.000. Das ist der bislang höchste Stand in diesem Jahr und entspricht fast der Bevölkerungszahl von Jena, übersteigt die von Stralsund.[3]

    Schon im ersten Halbjahr 2004 veröffentlichten die deutschen Medien Ankündigungen von Unternehmen, insgesamt eine halbe Million Arbeitsplätze abzubauen.[4] Zum Vergleich: Erfurt und Rostock haben nicht einmal halb so viele Einwohner.[5]

    Arbeitsplätze werden nicht nur wegrationalisiert, sondern auch ins Ausland verlagert. Allein die deutsche Metall- und Elektroindustrie hat veröffentlicht, daß ihre Branche alljährlich 100.000 Arbeitsplätze aus Deutschland ins Ausland verlagert.[6] Darunter sind längst auch solche für Hochqualifizierte, für Ingenieure zum Beispiel.[7]

    Weitere Hunderttausende von Arbeitsplätzen gehen durch Unternehmenszusammenbrüche verloren. Im vergangenen Jahr wurden fast 40.000 Insolvenzen registriert.[8] Davon 13.000 im privaten Dienstleistungssektor, und fast 14.000 betrafen Einzelunternehmer.

    Da hört man dann ab und zu solche Fragen:

    - Ist es angesichts dieser Massenarbeitslosigkeit von Millionen Menschen noch länger zu verantworten, einigen hunderttausend Erwachsenen einen eigenen Weg ins Arbeitsleben zu sichern, die mehrheitlich und zeitlebens gar nicht erwerbstätig werden können?

    Als schwerbehindert gelten zur Zeit wieder über 170.000 arbeitslose Arbeitnehmer. Ihr Anteil an der Zahl aller Arbeitslosen ist gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres auf 4,0 % gewachsen.[9] Ihre Chancen auf eine Rückkehr ins Erwerbsleben sind sehr gering, obwohl die Bundesregierung es als ihr Ziel formuliert, die Arbeitslosenquote schwerbehinderter Arbeitnehmer wenigstens auf die allgemeine Arbeitslosenquote zu senken.[10]

    - Kann man es da gesellschaftlich, politisch und fiskalisch noch länger verantworten, nicht erwerbsfähigen Erwachsenen eigene Einrichtungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zur Verfügung zu stellen?

    Viele Werkstätten sind überbelegt. In den kommenden Jahren werden weitere 40‑ bis 50.000 Werkstattplätze benötigt. Gleichzeitig nimmt die Zahl erwerbsfähiger junger Erwachsener zu, die keinen Ausbildungsplatz und keine Anstellung in der Erwerbswirtschaft finden. Das betrifft vor allem Schulabgänger mit unvollständigen Bildungskarrieren und mit niedrigem Bildungsabschluß.

    - Kann man in einer solchen Situation guten Gewissens mehr Werkstattplätze, bessere berufliche Bildung, qualifiziertes Fachpersonal und eine ausreichende Finanzierung der Werkstätten fordern?

    Uns wird deshalb von Ministeriumsvertretern, von Vertretern anderer Organisationen und selbst aus unseren Reihen immer häufiger geraten, keine Forderungen mehr zu stellen und abzuwarten, daß sich die Lage verbessert. Das hört sich dann so an:

    - Die Öffentlichkeit hat bald kein Verständnis mehr für unsere Werkstätten. Es ist besser, wenn wir für eine Weile ruhig sind und zurückstecken.

    - Wenn alle von Kürzungen betroffen sind, sollten auch wir von uns aus der Bundesregierung und den Länderregierungen Streichungsvorschläge machen.

    - Wir sollten in der jetzigen Zeit auf eine Weiterentwicklung verzichten. Denn alles, was Kosten verursacht, kann man Politikern nicht mehr verständlich machen.

    Solche Ratschläge entsprechen der Überzeugung der Ratgeber und − das unterstelle ich einmal − auch ihrer Sorge um unser Gemeinwesen. Ermahnungen dieser Art gibt es in Krisenzeiten immer. Sie zielen vor allem auf die sozialen Leistungen durch den Staat und warnen vor den gesellschaftlichen Problemen einer solchen Umverteilung.

    Ein inzwischen sehr bekannter Satz, den wir immer wieder zitieren, damit er nicht vergessen wird, lautet:

    „Die Frage, ob der … Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden …”[11]

    Bitte bewerten Sie diese Aussage einmal sorgfältig für sich. Ich sage Ihnen später, von wem dieser Satz stammt.

  2. Arbeit und soziale Teilhabe

    In unseren Werkstätten sieht es sehr viel anders aus als in der privaten Wirtschaft. Nach offizieller Zählung des zuständigen Bundesministeriums ist die Zahl der Werkstattplätze ständig gestiegen: von 150.000 im Jahr 1994 auf 220.000 im Jahr 2002.[12] Untersuchungen von Forschungsinstituten lassen erkennen, daß der Bedarf an Werkstattplätzen noch nicht gedeckt ist: Mindestens 40.000 Plätze werden bis ins Jahr 2010 benötigt, eher mehr als weniger. Das ist die seit den 1970er Jahren gewollte Folge einer Sozial‑ und Gesundheitspolitik, die Menschen vor oder nach ihrer Geburt nicht nach Nützlichkeit und Verwertbarkeit mißt. Daß dieser Maßstab durch die moderne Gentechnologie und eine ihr entsprechende Ethik brüchig zu werden droht, erfüllt uns mit großer Sorge.

    Gemessen an der Gesamtzahl der 32 Millionen Arbeitsplätze für abhängig Beschäftigte ist die heutige Zahl von rund 250.000 Werkstattplätzen verschwindend gering.[13] Die Quote der Werkstattplätze beträgt nur 0,8 Prozent. Bei rund 780.000 als schwerbehindert geltenden Arbeitnehmern in der Erwerbswirtschaft entsprechen die Werkstattplätze einer Quote von rund 30 Prozent. Der Trend in der Erwerbswirtschaft ist nicht besonders teilhabeorientiert. Die Bundesregierung bedauerte kürzlich, daß „die Zahl derjenigen Arbeitgeber, die keinen schwerbehinderten Menschen beschäftigt hatten, mit 59.225 sehr hoch“ sei. Das gleiche gelte für den „Anteil der Arbeitgeber, die mit einer Erfüllungsquote von 0,1 Prozent bis unter 2 Prozent ihrer Beschäftigungspflicht nur unzureichend nachkommen“.[14] Es ist übrigens angesichts dieser harten Fakten eine Zumutung, wenn die Bundesregierung gleichzeitig uns Werkstattträger kritisiert, wir würden zu wenig Werkstattbeschäftigte in den allgemeinen Arbeitsmarkt integrieren.

    In jüngster Zeit wird die Gefahr beschworen, daß die Versorgung der Werkstattbeschäftigten zu Neid und Mißgunst unter anderen Teilen der Bevölkerung führen könnte. Das Schlagwort heißt „Sozialneid“. Gibt es triftige Gründe dafür, daß all diejenigen, die Arbeit suchen und keine finden, auf Werkstattbeschäftigte neidisch sein können? Ich bin fest davon überzeugt, daß es solche Gründe nicht gibt und will Ihnen dafür meine Argumente nennen:

    1. Die Erwerbswirtschaft verschließt sich Menschen wie den Werkstattbeschäftigten prinzipiell und dauerhaft. Die dennoch erreichten Eingliederungserfolge sind Ausnahmen und Einzelfallergebnisse. Denn ihre Produktivität liegt aufgrund der speziellen körperlichen, geistigen oder psychischen Eigenschaften mehrheitlich und anhaltend unter dem allgemeinen Durchschnitt. Das ist der materielle Grund dafür, daß Werkstattbeschäftigte nicht als Arbeitnehmer gelten. Ein Vergleich zwischen dem Stundenlohn eines Arbeiters im verarbeitenden Gewerbe und eines Werkstattbeschäftigten offenbart die Situation: Im Jahr 2002 erhielt der eine knapp 14,60 Euro und der andere gerade mal einen Euro für die Stunde.[15] Das ist kein Grund, auf einen Werkstattbeschäftigten neidisch zu sein.

    2. Ein Werkstattbeschäftigter hat nach ununterbrochener zwanzigjähriger Werkstattarbeit Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente. Diese finanzielle Sicherung ist ein großartiger sozialpolitischer Erfolg und zugleich ein mittelmäßiger politischer Kompromiß. Obwohl die Erwerbsminderung schon von Anfang an vorliegt und die Bedingung ist, um überhaupt Anspruch auf einen Werkstattplatz zu haben, müssen erst noch zwanzig Jahre in der Werkstatt gearbeitet werden. Zudem ist die Rentenhöhe so bemessen, daß damit ein finanziell selbständiges Leben nur schwierig zu führen ist. Auch diese Rente ist darum kein Grund, auf einen Werkstattbeschäftigten neidisch zu sein.

    3. Werkstattbeschäftigte haben Anspruch auf eine finanzielle Grundsicherung. Diese staatliche Hilfeleistung ist vorrangig für alte Menschen gedacht, um das Drama der Altersarmut abzuwenden. Zusätzlich und aus fürsorgerischen Gründen hat der Gesetzgeber noch solche Bevölkerungsteile berücksichtigt, die aufgrund ihrer besonderen körperlichen, geistigen oder psychischen Konstitution keine Erwerbsarbeit leisten können. Die Grundsicherung unterscheidet sich nicht wesentlich von der klassischen Sozialhilfeleistung „Hilfe zum Lebensunterhalt“. Auf sie haben alle Bedürftigen Anspruch. Auch die Grundsicherung für Werkstattbeschäftigte ist kein Grund zum Neid.

      Schlußfolgerung: Es gibt keine finanziellen Gründe, auf Werkstattbeschäftigte neidisch zu sein. Alle staatlichen Leistungen sind stark begrenzt und eher ein Minimum.

    4. Menschen, die von Geburt an in ihrer körperlichen oder geistigen Entwicklung stark beeinträchtigt sind, müssen sich immer noch und wohl auch in der nächsten Zukunft gegen Ausgrenzung, Benachteiligung und Zurücksetzung wehren. Das ist kein Grund, neidisch zu sein.

    5. Werkstattbeschäftigte und alle, die ihre Existenz wegen ihrer persönlichen Eigenheiten und Eigenschaften nicht aus eigener Arbeitskraft sichern können, gelten in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht als gleichberechtigt. Sie werden zurückgesetzt und stehen in der sozialen Hierarchie am unteren Ende. Das ist kein Grund, auf sie neidisch zu sein.

    6. Menschen wie die Werkstattbeschäftigten sind wegen ihrer körperlichen, geistigen oder psychischen Besonderheiten immer noch Zielscheibe von Hohn und Spott. Wir haben in den vergangenen Jahren unsere Sprache weiterentwickelt: „Behinderte“ sind zu „behinderten Menschen“ geworden. Trotzdem ist das Hauptwort noch fest verwurzelt und nach wie vor ein Schimpfwort. Das ist kein Grund, neidisch zu sein. Eher ist es ein Grund, daß wir alle ernsthaft darüber nachdenken, ob auf das Attribut „behindert“ nicht ganz verzichtet werden kann. Was sagt es inhaltlich aus? Ist es nicht besonders geeignet, um einen Menschen pauschal herabzusetzen?

      Schlußfolgerung: Es gibt keine sozialen Gründe, auf Werkstattbeschäftigte neidisch zu sein. Sie sind immer noch nicht gleichberechtigt, gelten pauschal als geschäftsunfähig und werden nach wie vor benachteiligt.

    Im übrigen haben weder sie noch die anderen benachteiligten Bevölkerungsschichten Einfluß auf die wirtschaftliche Strukturkrise oder können sie mildern. Sie sind auch nicht für ihre Folgen verantwortlich. Das sind wohl eher die, die − wie der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie gerade erst − öffentlich zu sagen wagen: „Die Staatskassen sind von den Sozialpolitikern bereits geplündert. … Zu viele Sozialpolitiker sind der Reformen Tod“.[16] Wer so spricht, muß sich die Frage gefallen lassen, wer eigentlich in unserem Land für den Arbeitsplatzabbau, die Massenarbeitslosigkeit und die damit verbundenen sozialen Folgen und deren Kosten verantwortlich ist und sich dann ins Ausland absetzt? Gehören nicht vor allem Managergehälter in Millionenhöhe in die Kategorie „Plünderung“?

    Ein Blick in die Sozialenzyklika von 1961 fordert uns zu Taten heraus:

    „Wo … in der Wirtschaft die gebotene wirtschaftspolitische Aktivität des Staates gänzlich fehlt oder unzureichend ist, kommt es schnell zu heilloser Verwirrung. Da herrscht die freche Ausbeutung fremder Not durch von Skrupeln wenig gehemmte Stärkere, die sich - leider - allzeit und allenthalben breitmachen wie Unkraut im Weizen.“[17]

    Von uns wird aber auch eine Antwort auf die Frage verlangt: Gibt es unter den derzeitigen sozialen Verhältnissen Gründe dafür, Werkstattbeschäftigte als bessergestellt anzusehen? Ich kann mir das durchaus vorstellen; zum Beispiel:

    • Sie können ein finanziell relativ gesichertes Leben führen, wenn auch auf niedrigem Niveau.

    • Sie haben die Chance und das Recht, nach ihren persönlichen Möglichkeiten mitarbeiten zu können und sich dadurch soziale Anerkennung zu verdienen.

    • Ein Teil unserer Gesellschaft trägt dafür Mitverantwortung, daß sich ihre Lage immer weiter verbessert, bis sie als Gleiche unter Gleichen akzeptiert werden.

    • Viele gemeinnützige Organisationen und zahlreiche Einzelpersönlichkeiten in politisch entscheidenden Positionen sind bereit, sie zu schützen und ihnen zu helfen, sie wichtig zu nehmen und ihre Bedeutung hervorzuheben.

    Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Eigenheiten wie bei unseren Werkstattbeschäftigten gelten nicht mehr als Sorgenkinder wie noch vor wenigen Jahren. Durch die Umbenennung der gleichnamigen Organisation in „Aktion Mensch“ verschwindet dieser Begriff nach und nach aus unserem Wortschatz und unserem Denken. Auch das ist ein großer Erfolg.

    Arbeitslose, Lehrstellensuchende und von der Wirtschaftskrise hart Betroffene werden dagegen wieder zu sozialen Randgruppen. Sie haben mit den voll erwerbsgeminderten Menschen wie unseren Werkstattbeschäftigten viel mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheint. Auch wegen dieser Gemeinsamkeiten gibt es überhaupt keinen Grund zum gegenseitigen Sozialneid. Alle haben vielmehr allen Grund zur gegenseitigen Solidarität. Was ist ihnen gemeinsam?

    Zuerst, daß sie nicht, noch nicht oder noch nicht wieder im Arbeitsleben stehen.

    Dann, daß sie dadurch in der Gefahr sind, sozial abzusinken, wenn sich Staat und Gesellschaft nicht um Nachteilsausgleich bemühen.

    Auch, daß sie als Nicht-Erwerbstätige für die Wirtschaft nutzlos sind und bei anhaltender Erwerbslosigkeit wirtschaftlich immer wertloser werden.

    Und, daß sie irgendwann gar nicht mehr zu den potentiell brauchbaren Arbeitskräften gehören, selbst dann nicht, wenn ihre Lohnkosten ganz oder teilweise vom Staat erstattet werden.

    Schließlich, daß sie als Kostgänger zu Lasten der Gesellschaft erscheinen und davon bedroht sind, daß man ihnen das zum Vorwurf macht. Die schlimmen Folgen sind uns bekannt.[18]

    Sozialer Abstieg und die vermeintliche Wehrlosigkeit gegen ein solches Schicksal provozieren Sozialneid. Solidarität als hilfreiche Gegenwehr läßt sich leichter fordern als verwirklichen. Denn fehlende Arbeit, fehlendes Auskommen und fehlende Anerkennung sind eine existentielle Belastung für jeden Menschen. Da verliert man leicht den Blick für die wirklichen Verhältnisse und kommt ethisch auf die schiefe Bahn. Was wissen wir über die Schicksale der mehr als vier Millionen Arbeitslosen? Wie ernst ist die Stimmung in der Bevölkerung bereits angesichts einer Situation, die ein früherer Bundesminister vor wenigen Tagen kurz und bündig so beschreibt:

    „Die Oberen gewinnen hinzu, die Unteren verlieren.“

    Nein, diesen Satz hat kein Saarländer gesagt, sondern ein Bayer. Der versteht viel von Kürzungen im Sozial‑ und Gesundheitswesen: Horst Seehofer.[19] Ein Staat, auf den diese Charakterisierung paßt, verliert seinen Status als Sozialstaat. Deshalb möchte ich Ihnen drei kleine Rätsel zur Lösung geben. Für jede richtige Antwort gewinnen die, die die Antwort nicht wußten, an Kenntnis und Einsicht.

    Das erste Rätsel. Bitte raten Sie einmal, aus welcher Quelle das folgende Zitat stammt:

    „Jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf angemessene und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz gegen Arbeitslosigkeit.“

    Das steht im Artikel 23, Abs. 1 der UN-Menschenrechtscharta.

    Und wo, glauben Sie, steht der folgende Satz?

    „Jeder hat nach seinen Fähigkeiten ein Recht auf Arbeit und, unbeschadet seiner persönlichen Freiheit, die sittliche Pflicht zur Arbeit.“

    So steht es im Artikel 28, Satz 2 der Hessischen Verfassung.

    Und nun die dritte Rätselfrage. Wo findet man den folgenden Satz:

    „Das Land ist verpflichtet, im Rahmen seiner Kräfte durch eine Politik der Vollbeschäftigung und Arbeitsförderung für die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit zu sorgen, welches das Recht jedes einzelnen umfaßt, seinen Lebensunterhalt durch freigewählte Arbeit zu verdienen.“

    So steht es im Artikel 48 der Verfassung des Landes Brandenburg.

    Vielleicht sollten wir dieses Thema durch eine vierte Frage noch ein bißchen einüben. Also, von wem stammt dieser Satz:

    „Es ist ständige Aufgabe des Staats, jedem die Möglichkeit zu schaffen, seinen Lebensunterhalt durch frei gewählte und dauerhafte Arbeit zu verdienen. Zur Verwirklichung dieses Staatsziels ergreifen das Land und seine Gebietskörperschaften insbesondere Maßnahmen der Wirtschafts- und Arbeitsförderung, der beruflichen Weiterbildung und der Umschulung.“

    Er steht im Artikel 36 der Verfassung des Freistaates Thüringen. Allerdings steht dort anstelle des Wortes „Staat“ das Wort „Freistaat“. Aber da Sie dann sicherlich auf Bayern[20] getippt hätten, habe ich mir die kleine Änderung erlaubt.

    Wir haben allen Grund, für die Werkstattbeschäftigten wie für alle anderen benachteiligten und von Ausgrenzung bedrohten Bevölkerungsteile den Staat und die Einflußreichen in unserer Gesellschaft aufzufordern, auch diese Teile unsere Volkes ins Leben unserer Gemeinschaft einzubeziehen. Ihnen muß ebenfalls die gleichberechtigte Teilhabe an den gesellschaftlich geschaffenen Werten ermöglicht werden. Darum haben wir nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, Entwicklungen und Reformen einzufordern und nicht im Modestrom der Zeit mitzuschwimmen. Für notwendige Reformen und berechtigte Forderungen gibt es keine guten oder schlechten Zeiten. Es gibt nur unterschiedliche Chancen, sie hörbar zu machen und durchzusetzen. Was durchsetzbar ist, hängt nicht allein von den Fordernden ab, sondern von den konkreten politischen Bedingungen und den jeweiligen Verhältnissen zwischen den gesellschaftlichen Kräften.

    Ich halte berechtigte und verantwortliche Forderungen für ein ganz wesentliches dynamisches Element in unserer Demokratie. Sie sind oft die einzige Möglichkeit, zwischen den Wahlterminen politischen Einfluß zu nehmen.

    Forderungen sind für alle gesellschaftlichen Gruppen die unerläßliche Methode, ihre Meinungen vorzutragen, ihre Interessen zu vermitteln und Entwicklungen in Gang zu setzen. Sie sind von daher sowohl Ausdruck als auch Instrument der Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen. Es ist durchaus oft so, daß Forderungen überhört oder nicht erhört werden. Wer nicht fordert, wird gar nicht erst gehört. Forderungen machen auf Fehler, Mängel und Gefahren aufmerksam. Oft zeigen sie den Weg auf, wie sie behoben werden können. Sie weisen auf Ungerechtigkeiten hin und wollen sie beseitigen. Deshalb sind sie zukunftsorientiert und geben eine Perspektive. Sie sind ein starker Entwicklungsmotor und haben zugleich die Rolle eines Anwaltes und eines Stellvertreters für alle, die sich allein kein Gehör verschaffen können.

    Forderungen offenbaren den eigenen Standpunkt. Sie verlangen, daß öffentlich Position bezogen wird − vom Fordernden ebenso wie von den Geforderten. Sie verlangen nicht selten Zivilcourage und manchmal sogar Mut. Gerade bei der Gestaltung einer humanistischen Sozialpolitik waren es immer wieder die mutigen Menschen, die den Fortschritt vorangebracht haben. Jeder von uns kennt sie aus der Geschichte und unserer Gegenwart. Zunächst waren sie als Sozialromantiker verschmäht, als Träumer oder Idealisten. Was wir bis heute erreicht haben, haben wir auch ihrem Mut zum Weitblick und ihren unkonventionellen Taten zu verdanken.

    Doch die besten Absichten und Argumente bleiben wirkungslos, wenn uns eines nicht gelingt: Unter der Bevölkerung und den politischen Entscheidungsträgern muß sich die Anschauung verbreiten, daß Menschen nicht nach Nützlichkeit bewertet werden dürfen. Diese Aufgabe wird unter Bedingungen der Massenarbeitslosigkeit immer schwieriger. Denn auch an diese viel größere Bevölkerungsgruppe wird der Kosten‑Nut­zen‑Maß­stab angelegt, wie das die jüngste Gesetzgebung offenbart.

  3. Bildung hat Zukunft

    Sind wir selbst eigentlich frei von diesem Denken? Noch immer ist im Kollegenkreis zu hören, daß Werkstattbeschäftigte „richtig arbeiten“ und sich nützlich machen sollen. Berufliche oder gar darüber hinausgehende Bildung wären nicht so wichtig. Das würde wegen der aufzuwendenden Zeit die Produktivität verringern und fachliche Kompetenzen an falscher Stelle binden. Es wäre doch viel notwendiger, der Öffentlichkeit zu zeigen, daß in den Werkstätten richtig gearbeitet wird. Im übrigen müsse man Erwachsene doch endlich einmal in Ruhe lassen: Viele wollten vor allem arbeiten und nicht ständig von Pädagogen und Sozialarbeitern verfolgt werden. Im übrigen gehe es nicht um graue Theorie sondern um lebendige Praxis.

    Und plötzlich sind diese Kollegen, etliche unter ihnen Volks‑ und Betriebswirte, „die“ Praktiker schlechthin. Sie werden vehemente Verfechter von ungelernter Hand‑ und Maschinenarbeit durch die Werkstattbeschäftigten. Dabei sind sie in der Rolle der Träumer und Nostalgiker: Sie wünschen sich die vergangenen Zeiten des „guten, alten Arbeitstrainings“ zurück. Unter solchen Bedingungen brauchen die Meister und Gesellen in den Gruppen natürlich keine staatliche Prüfung und keine amtliche Anerkennung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung. Damit liegen sie gleichauf mit einem früheren Bundesbeamten, der sogar das Gespenst der Verschulung unserer Werkstätten an die Wand gemalt hatte.

    Ich weiß, daß solche Auffassungen Minderheitenmeinungen sind, wenn auch manchmal recht radikale. In den vergangenen Jahren hat sich sehr viel im Berufsbildungsbereich verändert. Mit großer Freude habe ich verfolgt, daß sich Werkstattträger in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, aber auch in anderen Bundesländern, Wissenschaftler als Ratgeber und Fortbilder in die Einrichtungen geholt haben. So mancher Experte aus Universität oder Fachhochschule hat monate‑ und sogar jahrelang den Berufsbildungsbereich vorangebracht. Unsere eigenen Fachleute haben viel davon profitiert. Das hat die diesjährige Berufsbildungskonferenz in Sindelfingen bewiesen. Unsere Werkstätten sind mehrheitlich Vorbilder in Sachen Berufsbildung. Wenn ich sie namentlich nicht nenne, dann, weil es inzwischen so viele sind, daß ich den einen oder anderen vergessen könnte. Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, danke ich ganz besonders. Sie haben mit dem Bildungsanspruch ernst gemacht und bewiesen, daß der Begriff „Bildungsunfähigkeit“ nicht auf die Werkstattbeschäftigten bezogen werden darf, sondern auf uns selbst zurückschlägt.

    Arbeit, Bildung und berufliche Bildung in unseren Werkstätten sind untrennbar miteinander verbunden. Das sieht seit 2001 auch der Gesetz- und Verordnungsgeber so und hat uns deshalb ausdrücklich einen beruflichen Bildungsauftrag gegeben. Aber damit hat er eine über fünfzehnjährige Forderung von uns erfüllt: Statt einem auf Verwertung orientierten Arbeitstraining wollten wir ein ganzheitliches und persönlichkeitsförderndes Leistungsspektrum anbieten. Werkstattarbeit unterscheidet sich von der Erwerbsarbeit durch ihre fünf Komponenten „Arbeit − Bildung − berufliche Bildung − pädagogischer Beistand − therapeutische Hilfen“. Das haben wir 2001 beim Werkstätten:Tag in Rostock nochmals entwickelt und begründet.

    Ich sage es heute noch einmal und ganz offen: Würden unsere Einrichtungen als werkstattypische Leistung nur serielle Arbeit auf niedrigem handwerklichen Niveau und womöglich unter Marktpreisen anbieten, hätten sie kurz über lang ihre Existenzberechtigung verspielt. Das können erwerbswirtschaftliche Konkurrenten in Litauen, Lettland, Ungarn, Polen, China, Indien und Brasilien besser. Und wenn selbst die eines Tages nicht mehr billig genug sind, haben die Auftraggeber bald entweder eine automatisierte Lösung parat, stellen das Produkt um oder ein. Die Privatwirtschaft muß auf Gedeih und Verderb hinter den niedrigsten Kosten hersein wie der Teufel hinter der armen Seele. Ihr Ziel − wem sag ich das eigentlich? − ist die maximale Verwertung ihres Kapitals, auch des sogenannten Humankapitals. Nur das sichert ihre Existenz − den Gewinn.

    Wenn Werkstätten mit ihrem Leistungsangebot ihre vordringliche Aufgabe darin sehen, hinter dieser Gewinndynamik herzulaufen, geht ihnen immer wieder der Atem aus − schließlich endgültig. Natürlich gibt es diese Unternehmensphilosophie auch unter uns. Und natürlich bringt ein solches Leitbild auch Entwicklungsfortschritte für die Werkstattbeschäftigten: zeitweilig ein höheres Arbeitsentgelt, auch Stolz über die Leistungsfähigkeit. Selbst Arbeitspädagogik, Arbeitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung laufen dabei intuitiv mit. Aber ohne planmäßige Bildung und berufliche Bildung, ohne Vermittlung von neuen Erkenntnissen und ohne die Chance für die Beschäftigten zum Mit‑ und Nachdenken bleibt diese Form von Arbeit ihrem Charakter nach Erwerbsarbeit − nur eben schlechter bezahlt als Minijobs und nicht existenzsichernd.

    Viele meiner Kolleginnen und Kollegen in den Werkstattleitungen kritisieren deshalb die falsche Verwendung des Begriffs „Werkstattarbeit“. Sie bemängeln, daß jede in der Werkstatt praktizierte Arbeitsform und Arbeitsweise als „Werkstattarbeit“ bezeichnet wird. Dabei ist nicht der Ort ausschlaggebend, wo Arbeit verrichtet wird, sondern der Inhalt. Unsere Werkstätten haben nur dann eine Zukunftsperspektive, wenn sie der Politik und der Öffentlichkeit ihre Besonderheit, ihre Charakteristik, ihre Einmaligkeit darstellen und begründen können. Sie sind keine modernen Arbeitshäuser und keine öffentlich finanzierten Billigproduzenten, keine gewerblichen Handwerksbetriebe mit weniger leistungsstarken Arbeitskräften und keine Integrationsprojekte. Was sie von all diesen Einrichtungen unterscheidet, ist die „Werkstattarbeit“ mit einem ganz anderen primären Ziel als der bestmöglichen Verwertung einer weniger produktiven Arbeitskraft.

    In diesem ganz speziellen, bewußt geplanten und gestalteten Arbeitsprozeß der Werkstatt steht vorrangig die Aufgabe, durch eine besonders bewußt gestaltete Arbeit, durch wohl überlegte Arbeitsabläufe, durch unterstützende Arbeitsvorbereitung und durch hilfreiche Arbeitsmittel und Vorrichtungen die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Beschäftigten weiter zu entwickeln. Denn das vordergründige Werkstattziel, die Leistungsfähigkeit zu entwickeln und zu erhöhen, nach Möglichkeit auch die Erwerbsfähigkeit zu entwickeln oder wiederzugewinnen, ist mit der Persönlichkeitsentwicklung untrennbar verbunden. Das geschieht vor allem dadurch, daß in diesem besonderen Arbeitsprozeß die persönlichen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten erkannt und berücksichtigt werden. Sie liegen der Arbeitsplatzgestaltung, der Arbeitsvorbereitung, den Arbeitsvorgängen und Arbeitsverfahren zugrunde.

    Wir nennen Werkstattarbeit deshalb „arbeitspädagogisch gestaltet“, weil im gemeinsamen Arbeitsprozeß allen Beteiligten die Chance zur Entwicklung, Weiterentwicklung und damit zur Gewinnung neuer Einsichten, Erfahrungen und Erkenntnisse geben werden soll. Die zufällige, unbeabsichtigte und spontane Entwicklung genügt uns nicht. Sie muß durch unsere Fachlichkeit ergänzt werden. Selbständigkeit, Selbstverantwortung, Selbstsicherheit und Selbstbewußtsein im Arbeitsprozeß zu fördern, verlangt fachliche, soziale und methodische Kompetenzen.

  4. Arbeit, Bildung, Zukunft − eine untrennbare Verbindung

    Wir erklären „Werkstattarbeit“ immer wieder und grenzen sie gegen andere Formen von Arbeit ab. Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich sondern notwendig, wichtigen Begriffen einen eindeutigen Inhalt zu geben. Jede gesellschaftliche Epoche hat bisher „Arbeit“ neu definiert. Die uns bekannteste und am weitesten verbreitete Begriffsbestimmung stammt aus der gleichen Zeit wie das Bürgerliche Gesetzbuch − aus der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Sie ist so oder ähnlich immer noch in allen Nachschlagewerken zu finden. Im Jahre 1904 hörte sich das so an:

    „Als wertschaffende, zweckbewußte Tätigkeit ist die Arbeit stets eine Verbindung von Denken und Tun. Die beliebte Gegenüberstellung von geistiger und mechanischer oder Kopf‑ und Handarbeit erscheint daher nicht angebracht. …“

    Dahinter steckt viel Wahrheit und viel Ideologie. Erwerbsarbeit stellt für die Mehrheit der abhängig Beschäftigten diese Verbindung von Denken und Tun nicht her. Wir haben die Chance und die Pflicht, diese Grundforderung nach „Verbindung von Denken und Tun“ in der Werkstattarbeit zu erfüllen. Deshalb haben wir Werkstattarbeit unmißverständlich beschrieben. Ich zitiere dazu den Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, der uns unseren eigenen Anspruch 2003 in sein Vorwort geschrieben hat:

    Werkstattarbeit ist ein „Arbeitsprozeß mit wechselseitigem Leistungsaustausch: berufs- und arbeitsfördernde pädagogische, soziale, medizinische, psychologische, pflegerische und therapeutische Leistungen der Werkstattfachleute einerseits; wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistungen der … Beschäftigten als Ergebnis der Eingliederungsleistungen andererseits. Und als Folge dieses kombinierten Arbeitsprozesses von Fachkräften und Beschäftigten die Entwicklung der Selbstsicherheit und des Selbstbewußtseins, mithin der gesamten Persönlichkeit …“.[21]

    Arbeit und Bildung, darum auch berufliche Bildung, sind in der Werkstattarbeit eine Einheit, aber deshalb noch nicht das Selbe. Bildung im Sinne von Wissensgewinn begleitet keinen Arbeitsprozeß automatisch. Sie muß bewußt eingebracht und vermittelt werden. Vor allem aber ist sie nicht durch einen Oberlehrer personifiziert. Bildungsmuffel beschreiben als Schreckgespenst die Werkstätten mit Bildungsanspruch gern als altväterliche Bildungsanstalt. Darin ist die Pädagogik aus Holz:

    Rohrstock, Katheder und der als Gruppenleiter verkleidete Oberlehrer namens Lämpel: „Also lautet der Beschluß: Daß der Mensch was lernen muß.“[22]

    In unserer Geschichte hat es solche Einrichtungen nie gegeben. Heute ist ein solches Bild erst recht falsch. Man kann mit Wilhelm Busch humorvoll die eigenen Schwächen und Versäumnisse verdecken. Mit Werkstattarbeit als Verbindung von Arbeits- und Berufsförderung und einer arbeitsweltbezogenen Erwachsenenbildung hat das nichts zu tun. Wir haben sie so beschrieben:

    Werkstattarbeit ist als Gemeinschaftsleistung ein kombinierter Arbeits‑ und Bildungsprozeß in einer individuell gestalteten Arbeitswelt. Drei Personengruppen wirken dabei gleichrangig und mit übereinstimmendem Ziel mit‑ und aufeinander: die Fachkräfte zur Arbeits‑ und Berufsförderung, die Fachkräfte im begleitenden Dienst und die Werkstattbeschäftigten.[23] Ich habe meinem Manuskript die Anforderungen an diese drei Personengruppen nochmals beigefügt und berufe mich dabei auf die Ergebnisse des Werkstättentages 2001 in Rostock.

    Das Motto unseres heutigen Werkstättentages könnte auch heißen:

    „Arbeiten um zu lernen.“

    Damit stünden wir völlig im Einklang mit der Forderung, Arbeit als Verbindung von Denken und Tun zu begreifen. Im übrigen waren es die Bildungsexperten in Großbritannien, die dieses Motto aufgestellt und verbreitet haben: „Arbeiten um zu lernen“. Es verlangt nach Auffassung von Berufsbildungsfachleuten in Europa eine „Mindest-Lernplattform“. Die soll alle grundlegend notwendigen Kompetenzen vermitteln. Für besonders wichtig wird dabei angesehen, daß auch im beruflichen Lernprozeß unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und unterschiedliche Lernorte möglich sind. Das Ziel heißt: In der bewußt gestalteten Arbeit lernen, wie man sich selbst durch angepaßte und fachlich begleitete Arbeit weiterentwickeln kann.[24] Statt „Mindest-Lernplattform“ sagen wir analog zur Werkstättenverordnung „Eingliederungsplan“ dazu.[25] Daß der eine solche dynamisch fortzuschreibende „Mindest-Lernplattform“ enthält, ist für uns selbstverständlich. Darin sehe ich die Zukunft unserer Werkstätten.

    Arbeit für Menschen, die aufgrund ihrer besonderen körperlichen, mentalen oder psychischen Bedingungen nicht in der üblichen Erwerbswirtschaft unterkommen, bieten längst auch andere Einrichtungstypen an. Das Besondere an den Werkstätten aber ist, daß sie Werkstattarbeit als Verbindung von Denken und Tun anbieten: Entdecken und Leisten, Fordern und Fördern, Mitarbeiten und Mitwirken. Und das geschieht in einer ganz speziellen Arbeitswelt, die sich auf jeden einzelnen einzustellen vermag. Sie garantiert eine gesellschaftlich vorbildliche Gemeinschaftsleistung. Die ist − wie unser Bruttoinlandsprodukt − auch in Euro und Cent zu messen. Aber noch wichtiger sind im Ergebnis die Fortschritte, die die Werkstattbeschäftigten machen: Sie werden immer selbstsicherer, selbstbewußter, selbstverantwortlicher für sich und die Gemeinschaft. Dabei ist es wichtig für uns alle, daß wir unserer gesellschaftlichen Umwelt vermitteln, daß Werkstattarbeit ein Entwicklungsprozeß ist. Der kann bei einzelnen Werkstattbeschäftigten viel länger dauern als bei anderen. Und je nach Art oder Schwere der körperlichen, geistigen oder psychischen Bedingungen dauert ein solcher Prozeß lebenslang.

    Aber selbst unsere besten Leistungen machen Werkstätten noch nicht zukunftssicher. Darüber entscheidet letztlich die Politik. Und wenn die von Kopf bis Fuß auf Kürzungen eingestellt ist, haben wir keine guten Chancen.

  5. Ethik als harter Unternehmensfaktor

    Ich hatte Ihnen anfangs versprochen, den Namen eines Autors zu nennen, dessen Satz vollständig so lautet:

    „Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden.”

    Der Satz stammt von Karl Binding und Alfred Hoche, aus dem Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“, Leipzig 1920.

    Der Präsident des Diakonischen Werkes hatte uns kürzlich geraten, Ethik als harten Unternehmensfaktor zu verstehen. Diese Empfehlung ist auch deshalb wichtig, weil wir wegen unserer arbeitsweltbezogenen Konzeption für den Förderbereich kritisiert werden. Doch bleibt richtig: Wir wollen eine enge Verbindung und nicht nur ein formales Dach zwischen Förderbereich und Werkstatt. Aber nur über unsere qualifizierte Werkstattarbeit schaffen wir die inhaltliche Verbindung zu den Tagesförderstätten einerseits und damit zu denjenigen Erwachsenen, die ihr individuelles Maß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung noch nicht erbringen können. Andererseits zu den Integrationsprojekten, deren Anforderungen an die Arbeitsleistungen denen der Erwerbswirtschaft stärker entsprechen. Schließlich öffnen wir mit einem solchen Verständnis von Werkstattarbeit unsere Türen in die Erwerbswirtschaft noch weiter.

    Unsere Leistungen haben nur in einem Sozialstaat Zukunftschancen. Nur ein solcher Staat will die Aufhebung der Benachteiligung und ist zu ausgleichenden Maßnahmen bereit. Deshalb verteidige ich diese Staatsform und bitte Sie, sich daran nach Kräften zu beteiligen. Die vorhin schon zitierte Sozialenzyklika zeigt mir dabei die Richtung, die ich Ihnen gerne weiterempfehlen möchte:

    „Die Welt der Wirtschaft muß wieder zur Achtung vor der sittlichen Ordnung zurückkehren. Das Einzel- oder Gruppeninteresse muß wieder in Einklang kommen mit dem Gemeinwohl. … Um zu diesem erwünschten Ergebnis zu gelangen, müssen die Staatslenker die richtige Auffassung vom Gemeinwohl haben. … Angesichts der Tatsache, daß sich in der Gegenwart das Wirtschaftsleben rasch entwickelt, … halten wir es für angebracht, alle auf ein wichtiges Gebot der sozialen Gerechtigkeit aufmerksam zu machen: daß nämlich dem wirtschaftlichen Fortschritt der soziale Fortschritt entsprechen und folgen muß, so daß alle Bevölkerungskreise am wachsenden Reichtum der Nation entsprechend beteiligt werden. … Auch die nationale Wirtschaft … hat keinen anderen Zweck, als dauernd die materielle Grundlage zu schaffen, auf der sich das volle persönliche Leben der Staatsbürger verwirklichen kann. … Daraus ergibt sich, daß der wirtschaftliche Wohlstand eines Volkes weniger zu bemessen ist nach der äußeren Fülle von Gütern … als vielmehr nach ihrer gerechten Verteilung, so daß alle im Lande etwas davon für die Entfaltung und Vervollkommnung ihrer Persönlichkeit erhalten.“[26]

    Es sind die Werkstätten, die diesen Sozialstaat in besonderer Weise prägen und fordern. Denn sie beziehen Menschen in das Arbeitsleben und das Leben unserer Gemeinschaft ein, die niemals eine Chance zur Erwerbsarbeit erhalten würden. Das macht sowohl den Charakter der Werkstätten aus als auch den des Sozialstaates: Wer arbeiten will, soll auch arbeiten können. Die Bundesregierung hatte das in ihrem Sozialbericht 2001 so formuliert:

    „Der Sozialstaat ist ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil unserer gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kultur. Ohne Sozialpolitik wäre die marktwirtschaftliche Ordnung nicht denkbar. Sozialpolitik stabilisiert und fördert die Entwicklung unserer Gesellschafts‑ und Wirtschaftsordnung. Sie trägt zum wirtschaftlichen und sozialen Ausgleich wie zur Verbesserung der Chancengleichheit bei und ist damit von zentraler Bedeutung für den sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

    Wir sind der Meinung, daß sich das nicht nur auf Menschen bezieht, die das Gesetz als „behindert“ definiert. Es sind andere Bevölkerungsgruppen hinzugekommen, die den gleichen Anspruch haben, und die wir nicht ausschließen dürfen. Wir müssen handeln und Alternativen schaffen, wenn sich die Erwerbswirtschaft dieser Gemeinschaftsaufgabe verschließt. Wie bei den Integrationsprojekten bieten wir Werkstattträger den Politikern in den Kommunen, im Land und Bund unsere Kenntnisse und unsere Mitarbeit an.

    Mein Optimismus, daß Werkstätten und mit ihnen die Tagesförderstätten und Integrationsprojekte eine Zukunft haben, liegt nicht nur in der eindeutigen Positionierung dieser drei Einrichtungstypen und der Offenheit und Zugänglichkeit zwischen ihnen. Mein Vertrauen in die Zukunft ist auch durch die letzten vierzig Jahre begründet: Es ist uns immer wieder mit vereinten Kräften gelungen, Barrieren zu beseitigen und Hürden zu überwinden. Die große Anstrengung nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat gezeigt, daß wir gemeinsam vergleichbare Arbeits‑ und Lebensbedingungen für unsere Werkstattbeschäftigten schaffen können. Dieser Prozeß ist noch nicht abgeschlossen und erfordert nach wie vor unsere Solidarität.

    Meine Hoffnung auf die Zukunft ist berechtigt: Denn wir brauchten den schwierigen Weg bis hierhin nicht allein zu bauen. Wir hatten tatkräftige und engagierte Partner in unseren Verbänden. Und wir hatten sie bei den politischen Mandatsträgern im Deutschen Bundestag, den Fachleuten in der Bundesregierung, den Länderregierungen und bei den Kostenträgern, die sich heute „Leistungsträger“ nennen. Manchmal waren deren Einfluß und Entscheidungen sogar maßgebend und richtungsweisend und in einzelnen Fällen zukunftsweisender als wir selbst. Nicht selten haben sie uns in geradezu kollegialer Zusammenarbeit bei der Entscheidungsfindung und ‑umsetzung beteiligt.

    Mein Dank an den Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung, Heinrich Tiemann, und an den Abteilungsleiter Rainer Wilmerstadt ist deshalb keine Höflichkeitsformel. Das gilt genauso für meinen Dank an den Thüringischen Minister für unsere Angelegenheiten, Dr. Klaus Zeh und den Beauftragten für Menschen mit Behinderungen, Dr. Paul Brockhausen als Vertreter der Länder. Und ebenso verdienstvoll waren für die Entwicklung des Werkstättennetzes die Anstrengungen von Dr. Fritz Baur und Bernd Finke als Vertreter der überörtlichen Sozialhilfe wie die der früheren Bundesanstalt für Arbeit, der heutigen Bundesagentur.

Ich bitte Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, diesen Werkstättentag zu nutzen, um im kollegialen Meinungsstreit untereinander die eigene Praxis zu überprüfen und nach dem Werkstättentag weiter zu gestalten.

Ihnen allen und besonders unseren Werkstatträten wünsche ich für unsere herausfordernde und großartige Arbeit und während der folgenden zwei Kongreßtage recht viel Erfolg!

Anhang

Was ist Werkstattarbeit?

Werkstattarbeit unterscheidet sich von der Erwerbsarbeit durch ihre fünf Komponenten „Arbeit − Bildung − berufliche Bildung − pädagogischer Beistand − therapeutische Hilfen“. Werkstattarbeit ist „Arbeiten um zu lernen“ und deshalb ein Arbeitsprozeß, dessen Ergebnis die Entwicklung der Persönlichkeit aller Mitarbeitenden ist. Sie ist darum ein wechselseitiger Leistungsaustausch: berufs‑ und arbeitsfördernde pädagogische, soziale, medizinische, psychologische, pflegerische und therapeutische Leistungen der Werkstattfachleute einerseits; wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistungen der  Beschäftigten als Ergebnis der Eingliederungsleistungen andererseits. Die Ergebnisqualität dieses kombinierten Arbeitsprozesses von Fachkräften und Beschäftigten ist daran abzulesen, wie sich Selbstsicherheit, Selbstbewußtseins und Selbstverantwortung der Werkstattbeschäftigten entwickeln.

Werkstattarbeit ist eine Gemeinschaftsleistung und ein kombinierter Arbeits‑ und Bildungsprozeß in einer individuell gestalteten Arbeitswelt. Drei Personengruppen wirken dabei gleichrangig und mit übereinstimmendem Ziel mit‑ und aufeinander: die Fachkräfte zur Arbeits‑ und Berufsförderung, die Fachkräfte im begleitenden Dienst und die Werkstattbeschäftigten.

    Die Fachkräfte zur Arbeits- und Berufsförderung erbringen planmäßig, individuell abgestimmte arbeits- und berufsfördernde Leistungen. Dazu gehört arbeitsvorbereitend die Suche nach arbeitspädagogischen Inhalten der zu bewältigenden Arbeit. Der Sinninhalt oder die Lernmöglichkeiten dieser Arbeit müssen erkannt, didaktisch und methodisch aufbereitet und vermittelt werden. Mit einer Schmalspurfortbildung á la SPZ[27] ist es nicht getan. Unser Maßstab sind die Anforderungen der Bundesagentur für Arbeit für den Berufsbildungsbereich und die Lehrgangsempfehlungen des Bundesinstituts für Berufsbildung. Einen wichtigen Beleg für die Qualifikation sehen wir in der Prüfung zur staatlich anerkannten Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung (FAB).

  1. Die arbeitsbegleitenden Dienste erbringen planmäßig, individuell abgestimmte pädagogische und soziale Leistungen. Daß wir uns bei der personellen und rechtlichen Schwerpunktsetzung auf sozialarbeiterische und sozialpädagogische Qualifikationen konzentriert haben, hat mehrere Gründe: Wir unterstellen gerade diesen Fachkräften einen personenbezogenen Blick und die entsprechenden Leistungen. Wir erwarten die berufsfachlich begründete Einbeziehung des einzelnen Werkstattbeschäftigten. Wir erstreben eine auf ihrer Berufsethik basierende Bereitschaft zum Beistand für die Beschäftigten und zur Anleitung der Fachkräfte in den Gruppen. Schließlich erwarten wir aufgrund des Studiums auch die Fähigkeit, sich arbeitspädagogische und arbeitstherapeutische Kenntnisse anzueignen und sie in die Werkstattarbeit einzubringen. Dieser Berufsgruppe unterstellen wir auch die Fähigkeit, gemeinsam mit den FAB[28] über die notwendigen therapeutischen, pflegerischen, medizinischen, psychologischen oder sonst erforderlichen Werkstattleistungen zu entscheiden.

  2. Die dritte Gruppe sind die Beschäftigten selbst. Diese Reihenfolge ist ganz und gar nicht zufällig gewählt. Sie soll deutlich machen, daß Werkstattleistungen zuerst von den Fachkräften zu erbringen sind. Die Beschäftigten gehen also nicht „zur Arbeit“ wie in einen Erwerbsbetrieb. Sie gehen in ein Leistungs‑ und Kompetenzzentrum, das etwas für sie erbringt, dem sie etwas abfordern können, in dem sie mitmachen und mitwirken können. Noch deutlicher formuliert: Das wirtschaftliche Arbeitsergebnis der Werkstatt ist nicht die Pflichtaufgabe der Beschäftigten, sondern aller drei Personengruppen. Doch zuerst ist es das Resultat der Leistungen der zwei erstgenannten Gruppen. Die sind zuständig für die optimalen arbeitsvorbereitenden, arbeitstechnischen, arbeitspädagogischen und arbeitsfördernden Bedingungen. Und noch eine Pflicht müssen die beiden Fachkräftegruppen erfüllen: Sie sind verantwortlich für die Arbeitsfreude und Arbeitszufriedenheit.

Werkstattarbeit basiert auf einem qualifizierten Fundament von Bildung und beruflicher Bildung. Dessen Ziel ist die individuelle Verarbeitung der notwendigen Informationen und damit des Wissens. Als Ergebnis dieses Wissens sind Mitarbeit, Mitwirkung und Mitbestimmung der Werkstattbeschäftigten gewollt.


[1] aus: Boerse.de vom 01.09.04. „Die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt ist nach Daten der BA-Statistik weiterhin angespannter als vor einem Jahr. Seit Oktober 2003 wurden mit 480.000 deutlich weniger Ausbildungsstellen gemeldet als im Vorjahreszeitraum (-30.800). Rückläufig waren sowohl betriebliche als auch außerbetriebliche Angebote (-22.100 bzw. -8.700). … Ende August waren 50.300 Ausbildungsplätze noch unbesetzt (gegenüber Vorjahr: -4.300). Als unvermittelt zählten 182.100 Bewerber (+14.500). Infolgedessen war die rechnerische Lücke zwischen unbesetzten Ausbildungsstellen und nicht vermittelten Bewerbern mit 131.800 weiterhin deutlich größer als vor einem Jahr.“

[2] Bevölkerung von Sachsen: 4,349 Millionen; von Rheinland-Pfalz: 4,058 Millionen.

[3] Bevölkerung von Jena: 102.000, von Stralsund: 74.600; Quelle: Statistisches Bundesamt

[4] genau: 499.464; Quelle: Internet, Egon W. Kreutzer, EWK-Berater

[5] Einwohner von Erfurt 207.200, von Rostock 246.600

[6] Derzeit beschäftigen deutsche Unternehmen 2,5 Millionen Arbeitnehmer im Ausland. Jährlich kommen etwa 100.000 hinzu. (Quelle: Deutsche Metall- und Elektroindustrie, 2004)

[7] Eine Ingenieurstunde kostet in Deutschland rund 55 Euro, in China 14 Euro, in Polen 10 Euro, in Indien 7 Euro. (Quelle: Deutsche Metall- und Elektroindustrie, 2004)

[8] 39.320 Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2003, 37.579 im Jahr 2002. Quelle: Statistisches Bundesamt

[9] Quelle: Bundesagentur für Arbeit. Im Mai 2004 waren 172.448 schwerbehinderte Arbeitnehmer offiziell arbeitslos gemeldet. Das sind 2,0 % mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres: 2003 – 169.040; 2002: 158.083; 2001: 170.978. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen betrug im Mai 2004 4 % gegenüber 3,8 % im gleichen Vorjahresmonat.

[10] In den alten Bundesländern waren im April 2003 127.337 schwerbehinderte Menschen arbeitslos. Das entspricht einer Quote von 14,6 Prozent, während die allgemeine Arbeitslosenquote 10,8 Prozent beträgt. In den neuen Bundesländern waren 43.956 schwerbehinderte Menschen arbeitslos. Das entspricht einer Quote von 29,4 Prozent, während die allgemeine Arbeitslosenquote bei 19,1 Prozent liegt. Quelle: Bericht der Bundesregierung nach § 160 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch (SGB IX) über die Beschäftigungssituation schwerbehinderter Menschen, 2004

[11] Der Satz lautet vollständig: „Die Frage, ob der für diese Kategorien von Ballastexistenzen notwendige Aufwand nach allen Richtungen hin gerechtfertigt sei, war in den verflossenen Zeiten des Wohlstandes nicht dringend; jetzt ist es anders geworden …” Er stammt aus dem Buch von Karl Binding und Alfred Hoche, „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“, Leipzig 1929

[12] 1994: 152.501; 1995: 159.561; 1996: 166.356; 1997: 172.049; 1998: 180.686; 1999: 188.275; 2000: 194.722; 2001: 201.679; 2002: 226.703

[13] März 2003: 32,043 Millionen abhängig Beschäftigte; Quelle: Statistisches Bundesamt, Datenbank Genesis

[14] Quelle: Bericht der Bundesregierung nach § 160 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch (SGB IX) über die Beschäftigungssituation schwerbehinderter Menschen, 2004

[15] Die Produktivität der Werkstattbeschäftigten ist wegen fehlender Daten nicht zu errechnen. Ein Vergleich der Einkommen mit dem verarbeitenden Gewerbe ergibt folgendes Bild: Bruttoverdienste der Arbeiter 2002: monatlich 2.208 Euro; wöchentlich 552 Euro; stündlich 14,57 Euro. Arbeitsentgelt der Werkstätten 2002: monatlich 159,81 Euro; wöchentlich 39,95 Euro; stündlich 1,04 Euro. Der Stundenlohn pro Arbeiter ist damit zehnmal höher; das Arbeitsentgelt pro Werkstattbeschäftigten macht 7,14 % des Stundenlohnes aus.

[16] Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), in: Wirtschaft warnt vor Reformpause; Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 103, S. 11 vom 01.09.2004

[17] aus: Sozialenzyklika „MATER ET MAGISTRA“ von Papst Johannes XXIII, 1961, Absatz 58

[18] Es ist noch gar nicht so lange her, daß auch Bevölkerungsteile um ihre persönliche Sicherheit und Gesundheit bangen mußten, die in ihrer Zeit nicht zu den sogenannten Geisteskranken gehörten. Sie wurden dennoch zu den wirtschaftlich Wertlosen gezählt: Alfred Grotjahn listete in seinen „Leitsätzen zur sozialen und degenerativen Hygiene“ von 1921 jene Personengruppen auf, die sich dann 1933 im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wiederfinden: „das Heer der Landstreicher, Alkoholiker, Verbrecher und Prostituierten, der Bodensatz der Bevölkerung, den der Volkswirt als Lumpenproletariat bezeichnet“ und eben auch „Epileptiker, Geisteskranke und Geistesschwache, Sonderlinge und Krüppel“. Alfred Grotjahn (1869–1931) war Arzt und von 1921 bis 1924 Reichstagsabgeordneter der SPD. Seine rassenbiologischen Auffassungen und Fortpflanzungstheorien (Eugenik) gerieten in gefährliche Nähe zu den Wegbereitern der Rassenhygiene des Faschismus. Quelle: Edition Luisenstadt, 1997

[19] zitiert aus: Der Spiegel, Nr. 36/2004, S. 42. Horst Seehofer, Bundesgesundheitsminister von 1992 bis 1998, hatte sich durch drastische Kürzungen im Gesundheitswesen den Ruf eines Sparministers verdient. Deshalb wurde ihm 1994 auch das Sozialhilfe-Ressort übertragen. Er ist mit der Sozialhilferechtsreform von 1996 seinem Ruf gerecht geworden.

[20] Auch in anderen Länderverfassungen ist das Recht auf Arbeit verankert:
Bayern:
(1) Die Arbeit ist die Quelle des Volkswohlstandes und steht unter dem besonderen Schutz des Staates.
(2) Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.
(3) Er hat das Recht und die Pflicht, eine seinen Anlagen und seiner Ausbildung entsprechende Arbeit im Dienst der Allgemeinheit nach näherer Bestimmung der Gesetze zu wählen. (Artikel 166)

Nordrhein-Westfalen:
Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht das Wohl des Menschen. Der Schutz seiner Arbeitskraft hat den Vorrang vor dem Schutz materiellen Besitzes Jedermann hat ein Recht auf Arbeit. (Artikel 24 Abs. 1)

Sachsen:
(1) Allen die Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt durch eine frei gewählte Arbeit zu verdienen, ist dauernde Aufgabe des Landes und der Kommunen.
(2) Das Land wirkt im Rahmen seiner Zuständigkeit darauf hin, daß sinnvolle und dauerhafte Arbeit für alle geschaffen wird und dabei Belastungen für die natürlichen Lebensgrundlagen vermieden oder vermindert, humanere Arbeitsbedingungen geschaffen und die Selbstentfaltung des Einzelnen gefördert werden. (Artikel 39)

Kein ausdrückliches Recht auf Arbeit kennen die Verfassungen von Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland hat kein Recht auf Arbeit in seinen Grundrechten verankert.


[21] Wolfgang Thierse, Arbeit als Methode, gesellschaftliche Teilhabe als Ziel; in: Günter Mosen, Ulrich Scheibner (Hg.), Arbeit, Erwerbsarbeit, Werkstattarbeit, 2003

[22] Wilhelm Busch, Max und Moritz, Vierter Streich. 1. Vers; in: Wilhelm Busch, Sämtliche Werke, Dritter Band, Verlag Braun & Schneider, München, 1943, S. 36

[23] vgl. Anhang: Was ist Werkstattarbeit?

[24] Europäische Zeitschrift (der CEDEFOP), Berufsbildung, 2000

[25] vgl. § 3 Abs. 1 WVO

[26] aus: Sozialenzyklika „MATER ET MAGISTRA“ von Papst Johannes XXIII., 1961, Absätze 37, 65, 73, 74

[27] SPZ = Sonderpädagogische Zusatzqualifikation

[28] FAB = Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung

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